Wie oft lächelst Du, obwohl Dir nicht im Geringsten danach ist?
Wie oft sagst Du „Ja, klar, mach ich“, während in Dir alles „Nein“ schreit? Und wie oft gehst Du abends nach Hause und ärgerst Dich über genau diesen Moment?
Wenn Du das kennst, bist Du in guter Gesellschaft. Ich habe es jahrelang genauso gemacht.
Mein Irrtum
Viele Jahre habe ich wirklich geglaubt – meist ganz unbewusst –, dass ich nur nett und freundlich genug sein müsste. Dass ich einfach alles richtig machen müsste. Dann würde es mir schon irgendwann gelingen, mit allen Menschen gut auszukommen und in keinerlei Konflikte mehr zu geraten.
Was für ein Spagat. Was für ein Irrtum.
Denn das war mindestens genauso mühsam und kräftezehrend wie die Begegnungen mit schwierigen Menschen selbst. Von der Selbstverleugnung und den späteren Grübeleien ganz zu schweigen.
Der Preis für dauerhafte Nettigkeit ist nämlich hoch:
- Du sagst zu Dingen Ja, die Du eigentlich nicht willst – und ärgerst Dich hinterher über Dich selbst.
- Du wirst für Dein Umfeld berechenbar. Wer immer nachgibt, wird irgendwann ausgenutzt und nicht mehr wirklich ernst genommen.
- Du staust an, was Du nicht aussprichst. Und irgendwann kommt es doch heraus – meist am falschen Ort, gegenüber der falschen Person.
- Du verlierst allmählich den Kontakt zu Dir und dem, was Du eigentlich willst.
Echt sein heißt nicht unhöflich sein
Hier gibt es ein weit verbreitetes Missverständnis: Wer aufhört, ständig nett zu sein, wird nicht automatisch schroff, laut oder rücksichtslos.
Echt sein heißt einfach nur: nicht so zu tun, als wäre alles in Ordnung, während in Dir gerade ein Vulkan zu brodeln beginnt oder sich Dein Magen am liebsten umdrehen würde.
Ein Beispiel, das ich sehr mag: Sprachlosigkeit ist im Umgang mit schwierigen Menschen keine Seltenheit. Wir werden so überrumpelt, dass uns schlicht nichts einfällt – und bereuen es nachträglich nichts gesagt zu haben und sind darüber im Nachhinein noch unglücklich und ärgern uns.
Dabei darfst Du in solchen Momenten tief durchatmen und genau das benennen, was gerade ist:
„Da bin ich jetzt erst einmal sprachlos.“
Dieser eine Satz ist ehrlich, er ist höflich, und er verschafft Dir Zeit. Und wenn Du magst, verlässt Du danach kurz den Raum. Und sei es nur innerlich.
Du musst nicht sofort antworten
Zwei Dinge, die viele von uns unter Druck setzen, obwohl sie es gar nicht müssten:
Nicht immer wird sofort eine Reaktion von Dir erwartet. Wir glauben oft, es wäre schwach oder unsicher, nicht postwendend zu antworten. Dabei ist ein „Darüber möchte ich in Ruhe nachdenken, ich melde mich morgen dazu“ eine der souveränsten Antworten überhaupt.
Und prüfe, ob überhaupt eine Frage an Dich gerichtet war. Manchmal fühlen wir uns angesprochen, weil uns eine Verhaltensweise innerlich so erregt – gemeint waren wir aber gar nicht. Bleib aufmerksam und bei der Sache, statt Dich in fremde Konflikte hineinziehen zu lassen.
Wenn jeder dich mag, nimmt keiner dich ernst (Martin Wehrle)
Wie Anpassung im Beruf ausbremst – und was stattdessen Respekt bringt
Wehrle beschreibt sehr anschaulich, wie uns das Bemühen, es allen recht zu machen, im Berufsleben klein hält. Und wie viel Respekt wir umgekehrt gewinnen, wenn wir aufhören, uns zu verbiegen. Nach dem Lesen fiel es mir deutlich leichter, freundlich zu bleiben, ohne dabei nachgiebig zu werden.
„All die Widrigkeiten, die ich in meinem Leben hatte, all meine Probleme und Hindernisse haben mich gestärkt.“ (Walt Disney)
Deine Gefühle gehören Dir
Das, was Dir niemand nehmen kann, sind Deine Gefühle.
Nimm sie wahr und nimm sie ernst – aber lass Dich nicht allein von ihnen leiten. Sie signalisieren Dir, dass etwas nicht stimmt. Und manchmal sind sie Dein letztes und stärkstes Argument.
Nämlich dann, wenn Du zu einer Entscheidung gedrängt werden sollst, bei der Du kein gutes Gefühl hast. Wenn man Dich immer weiter mit „Warum denn?“ bearbeitet, darfst Du sagen:
„Dabei habe ich kein gutes Gefühl.“
Dein Gefühl kann Dir niemand nehmen. Du allein fühlst es. Deshalb lässt sich dieser Satz auch nicht wegdiskutieren.
Als Dauerargument taugt er allerdings nicht. Nach meiner Erfahrung werden besonders Frauen damit allzu gern in eine Ecke gedrängt („typisch, immer nur Gefühle“). Nutze ihn also selten – und hebe ihn Dir für die wirklich wichtigen Entscheidungen auf.
Hol Dir eine zweite Meinung
Wenn Du Dich über etwas sehr aufregst, ist Dein Blick darauf selten unvoreingenommen. Deshalb lohnt es sich, eine vertraute Freundin oder einen vertrauten Freund zu fragen: Wie liest Du das? Was fällt Dir daran auf?
Ich war einmal ziemlich erstaunt, als meine Freundin an einer E-Mail, über die ich mich furchtbar aufgeregt hatte, überhaupt nichts Schlimmes finden konnte. Für sie war die Nachricht rein sachlich, ganz ohne Emotionen. Das hat mir mehr geholfen als jede Antwortmail, die ich in der Nacht davor im Kopf formuliert hatte.
Und Du darfst noch einen Schritt weiter gehen: Bitte diesen Menschen auch, mit Dir gemeinsam Deine eigenen Anteile aufzuspüren, die vielleicht mit zu den Problemen beigetragen haben könnten. Besonders dann, wenn sich ähnliche Schwierigkeiten mit verschiedenen Menschen wiederholen, lohnt sich dieser ehrliche Blick.
Das ist unbequem. Aber es ist der schnellste Weg zu echter Veränderung.
Sorge an schlimmen Tagen besonders gut für Dich
Es gibt Tage, an denen Du gar nicht ausweichen kannst. Besprechungsmarathons mit einem oder mehreren schwierigen Menschen zum Beispiel. Zwei sehr praktische Impulse für genau solche Tage:
Setz Dich in die Nähe der Tür. Dann kannst Du den Raum zwischendurch immer mal wieder kurz verlassen – zum ersten Mal etwa nach einer Stunde. Aber Achtung: Sprich mit niemandem darüber und rechtfertige Dich nicht dafür. Geh einfach raus und komm nach fünf bis zehn Minuten wieder rein. Falls doch jemand fragt, deute an, dass Du mal zur Toilette musstest. Diese kurze Unterbrechung wird Dir guttun. Und Du wirst feststellen: In großen Runden interessiert sich kaum jemand wirklich dafür.
Geh danach nach draußen. An die frische Luft, allein, und so weit weg von der Firma wie möglich. Will sich Dir jemand unbedingt anschließen, vertröste ihn auf Deine Rückkehr. Das Ganze nach etlichen Stunden auch noch in der Pause durchzuhecheln, nützt wirklich niemandem.
Das ist keine Flucht. Das ist Fürsorge für Dich selbst.
Und wenn andere über Dich reden?
Das wird passieren. Wer aufhört, es allen recht zu machen, eckt an. Manche werden das kommentieren.
Gottfried August Bürger hat dazu schon vor über 200 Jahren etwas Kluges geschrieben:
Ausblick
Echt zu sein braucht Mut. Jedes Mal aufs Neue. Und es wird nicht sofort leichter.
Aber es ist auf Dauer sehr viel weniger anstrengend, als eine Rolle zu spielen, die Dir nicht entspricht. Du wirst berechenbarer für Dich selbst und unberechenbarer für die, die Deine Nachgiebigkeit bisher eingeplant hatten.
„Jeder muss seinen Frieden in sich selber finden, und soll der Friede echt sein, darf er nicht von äußeren Umständen beeinflusst werden.“ (Mahatma Gandhi)
Wenn Du merkst, dass Du an dieser Stelle allein nicht weiterkommst, stehe ich Dir gerne zur Seite.
Wie Du konkret mit den schwierigen Menschen in Deinem Umfeld umgehst, habe ich hier aufgeschrieben: Wie bloß mit schwierigen Menschen (nicht nur) im Job umgehen?
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