Kennst Du das? Da fällt ein Satz in der Besprechung. Und erst auf dem Nachhauseweg fällt Dir ein, was Du hättest antworten können.
Abends liegst Du wach und drehst dieselbe Szene zum zwanzigsten Mal in Deinem Kopf. Vor dem nächsten Termin mit dieser Person schläfst Du schlecht. Und dann beginnt das Spiel von vorn.
Vielleicht gehörst Du – so wie ich lange Zeit – auch eher zu den Menschen, die schwierigen Personen lieber aus dem Weg gehen, wenn es irgendwie machbar erscheint. Diesen Selbstschutz kenne ich gut und halte ihn für allzu menschlich.
Nur: Oft ist Ausweichen gar nicht möglich. Der Chef bleibt der Chef. Die Kollegin sitzt weiter zwei Schreibtische weiter.
Es gibt aber auch eine gute Nachricht: Genau diese Situationen kannst Du nutzen, um etwas auszuprobieren, über Dich zu lernen – und manchmal auch über Dich hinauszuwachsen.
Was genau erlebst Du als schwierig?
Bevor Du überlegst, wie Du reagieren willst, lohnt sich eine ehrliche Frage: Was genau ist es, dass Dich so anstrengt?
- Dass andere Dir ins Wort fallen und Du Deine Gedanken nie zu Ende bringen kannst?
- Dass Du immer wieder mit Unehrlichkeiten konfrontiert wirst?
- Dass sich jemand unsensibel und dominant verhält?
- Dass Du ständig auf andere wartest oder versetzt wirst?
- Dass Dich jemand spüren lassen will, er sei „etwas Besseres“?
- Dass andere zu allem ungefragt ihren Senf dazugeben und ihre Meinung für die einzig richtige halten?
Diese Liste darfst Du gern ergänzen 😉. Der Punkt ist: Solange Du nur ein diffuses „das nervt mich“ empfindest, hast Du nichts in der Hand. Sobald Du benennen kannst, was Dich stört, kannst Du damit auch arbeiten.
Vier Dinge, die Dich sofort entlasten
Auch wenn es manchmal schwerfällt, dass anzunehmen – feststeht:
- Wir können andere nicht ändern. Manche Menschen sind einfach schwierig.
- Kaum ein Mensch ist nur gut oder nur böse. Und nicht jeder, den Du als schwierig erlebst, muss zwangsläufig ein Arschloch sein.
- Jammern allein nützt auf Dauer niemandem – Dir am allerwenigsten.
- Es gibt mehr als nur diese drei Möglichkeiten, die wohl den meisten von uns als erste Reaktion in den Sinn kommen:
- Flucht (weglaufen, verdrängen, vermeiden),
- Kampf (Interessen durchsetzen, Gegner ausschalten) oder
- Unterordnung (klein beigeben).
Dein Spielraum dazwischen ist viel größer als Du vielleicht denkst.
Und je stärker Dein Selbstwert, desto wahrscheinlicher findest Du in diesem Raum eine kreative Lösung.
Was mitten in der Situation hilft
Hier ein paar Dinge, die sich bei meinen Klienten und bei mir selbst bewährt haben:
Atme bewusst. Vier Sekunden ein, neun Sekunden aus – so oft wie nötig. Oder zähle innerlich langsam bis neun. Und wenn es sein muss bis 99.
Schau, in welcher Rolle Du gerade bist. Als Kollegin, die wieder und wieder unterbrochen wird, brauchst Du eine andere Reaktion als in der Rolle der Mitarbeiterin, deren Chef eine aufgehübschte Statistik verlangt. Für jede Rolle sind andere Herangehensweisen sinnvoll.
Wahre die Augenhöhe – notfalls mit körperlichem Abstand. Wenn Dein Chef größer ist als Du, Dir keinen Sitzplatz anbietet und sich im Streitgespräch so vor Dir aufbaut, dass Du zu ihm hinaufschauen musst: Geh so weit zurück, bis sich der Abstand für Dich gut anfühlt. Schaut er Dich fragend an – lass ihn! Kommt er nach, geh noch weiter zurück oder zur Seite. Oder sag freundlich, dass Du ihm so besser zuhören und in die Augen schauen kannst 😉. Dieser Abstand verschafft Dir genau die Sekunden zum Verschnaufen, die Du brauchst.
Dreh den Spieß um. Unterstellt Dir jemand vor anderen: „Sie haben ja keine Ahnung von …“, dann bleib gelassen und antworte selbstbewusst: „Wenn ‚keine Ahnung haben‘ bedeutet, dass ich Fragen stelle und zusätzliche Informationen einhole – ja, dann habe ich davon noch nicht so viel Ahnung. Können wir jetzt fortfahren?“
Nach diesem Muster kannst Du fast jeden pauschalen Angriff in etwas verwandeln, das Dir wichtig ist. Und Dein Gegenüber läuft ins Leere.
Überleben unter Arschlöchern (Robert I. Sutton)
Wie Sie mit Leuten klarkommen, die andere wie Dreck behandeln
Ja, der Titel ist deftig. Aber Sutton beschreibt sehr genau, welche Typen von schwierigen Menschen es gibt und welche Strategie bei welchem Typ überhaupt Sinn ergibt. Besonders wohltuend fand ich seine Warnung vor voreiligen Rachefeldzügen – damit schaden wir am Ende meist nur uns selbst.
„Kluge Leute lernen auch von ihren Feinden.“ (Aristoteles)
Wenn Dich der Kontakt dauerhaft belastet
Hast Du fast täglich mit einer schwierigen Person zu tun und zehrt dieser Kontakt an Dir, dann hilft es nicht, „nur“ mit einer guten Freundin darüber zu sprechen oder Qigong zu üben. Dann geh auf die betreffende Person zu:
- Bleib – so gut es geht – offen und unvoreingenommen.
- Tritt mutig und unter vier Augen an sie heran.
- Sprich Dein Anliegen konkret und als Ich-Botschaft an: sag‘ z.B. „Es hat mich sehr erschrocken in Ihrer Email zu lesen, dass…“
- Vielleicht war es der Person bis zu Eurem Gespräch gar nicht bewusst.
- Frag nach und hör Dir wirklich die Sichtweise der anderen Person an.
- Frag: „Was können wir tun?„
Im Idealfall findet ihr eine Lösung, die für beide Seiten trägt.
Und wenn nicht? Wenn Du es mit Menschen zu tun hast, die Dich emotional aussaugen, und Du die Firma weder verlassen willst noch kannst? Dann kann Dir helfen, was Vera Birkenbihl seinerzeit „geistiges Judo“ nannte: nicht dagegenhalten, nicht kämpfen, sondern ausweichen und den anderen mit seiner eigenen Energie ins Leere laufen lassen. Mit innerer Klarheit und der bewussten Wahl Deiner Reaktion unterwirfst Du Dich nicht – Du entziehst dem Ganzen nur die Angriffsfläche.
Was Dir dagegen nicht weiterhilft
- Beschuldigen und anklagen. Führt zu keiner Lösung.
- Von vornherein Böswilligkeit unterstellen. Vielleicht hatte der andere einfach einen schlechten Tag. Vielleicht ist es ein Missverständnis. Vielleicht warst gar nicht Du gemeint.
- Als Siegerin hervorgehen wollen.
- Nachtragend sein. Das bürdet nur Dir eine schwere Last auf. Lass den Groll so schnell wie möglich los. Werde leichter.
- Schlecht über die Person (z.B. mit anderen Kollegen) reden.
- Resigniert aufgeben.
Und halte es immer auch für möglich, dass bestimmte Menschen „Knöpfe“ bei Dir drücken, die mit Unbewältigtem aus Deiner Vergangenheit zu tun haben. Oder dass Du an anderen Verhaltensweisen ablehnst, die Du – von Dir selbst noch unerkannt – auch in Dir trägst. Und die vielleicht einfach nur wahrgenommen werden wollen, ohne dass Du sie ausleben musst.
Und noch etwas, das ich selbst jahrelang falsch gemacht habe: Freundlich sein schützt Dich nicht vor schwierigen Menschen. Im Gegenteil. Warum das so ist und was stattdessen hilft, habe ich in einem eigenen Beitrag aufgeschrieben: Sei echt, nicht nett.
Manches darfst Du auch einfach ruhen lassen
Frag Dich: Wird diese Person oder diese konkrete Situation in ein, zwei Jahren noch wichtig für Dich sein? Wenn nicht – dann lass es gut sein. Und lass los.
Manchmal entspannt schon eine Pause von 24 Stunden den ganzen Sachverhalt. Reduziere den Kontakt vorübergehend, sortiere Deine Gedanken und widme Dich dem Thema danach mit frischer Energie. Nicht jede Tür muss sofort und für immer geschlossen werden.
Theodor Fontane hat es in seinem Gedicht „Überlass es der Zeit“ schöner gesagt, als ich es könnte:
Und wenn Du allein nicht weiterkommst?
Dann hol Dir Unterstützung. Das ist kein Zeichen von Schwäche, sondern von Klugheit.
Anlaufstellen können der Personalrat in Deinem Unternehmen sein, Anwälte, professionelle Coaches oder Hilfsorganisationen. Wenn Dir alles zu viel wird, ist die Telefonseelsorge rund um die Uhr, anonym und gebührenfrei erreichbar: 0800 111 0 111, 0800 111 0 222 oder 116 123.
Und wenn Dir Dein ganzer Arbeitsplatz vergiftet erscheint, findest Du hier sofort weiterführende Unterstützung: toxiversum.de/toxischer-arbeitsplatz
Ausblick
Du musst nicht jeden mögen. Und Du darfst auch anderen zugestehen, Dich nicht zu mögen. Respekt und Verständnis für andere zu haben heißt nämlich nicht, dass Dir gefallen muss, wie sie sich verhalten – und schon gar nicht, dass Du es Dir gefallen lassen musst.
Wünschst Du Dir auch eine Welt mit wertschätzendem und respektvollem Umgang? Dann lohnt es sich, im nahen Lebensumfeld damit zu beginnen. Wenigstens für Dich selbst.
Es gibt immer eine Möglichkeit, dass Du wieder Halt und Orientierung findest. Dabei stehe auch ich Dir gerne zur Seite.
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